Die 585 Wildbienen-Arten Deutschlands
Die deutsche Wildbienen-Vielfalt zwischen Sandbienen, Mauerbienen und Hummeln, mit Schutz-Praxis und Nisthilfen-Bau.
Die 585 Wildbienen-Arten Deutschlands
Die einzige in Deutschland gewerblich gehaltene Bienen-Art ist Apis mellifera, die Westliche Honigbiene. Daneben existiert eine eigentümlich übersehene Vielfalt: rund 585 Wildbienen-Arten, dokumentiert im Standardwerk „Die Wildbienen Deutschlands” von Paul Westrich, dessen erweiterte zweite Auflage 2018 erschienen ist und seither als das Referenz-Werk gilt. Die Zahl schwankt je nach taxonomischem Stand und Neufund-Lage leicht — etwa 585 in der aktuellen Fassung — und sie umfasst alle solitär und sozial lebenden Bienen-Arten, die im deutschen Bundesgebiet nachgewiesen sind.
Die wichtigsten Gattungen
Die artenreichste Gattung sind die Sandbienen Andrena mit etwa 113 Arten. Sandbienen nisten ganz überwiegend im Boden, in lockeren Sand- oder Lössböden mit lückiger Vegetation, und sie fliegen meist früh im Jahr — viele Arten sind ab März auf den ersten Weiden und Krokussen unterwegs. Die Frühlings-Pelzbiene Andrena fulva mit ihrem auffälligen rot-braunen Pelz auf dem Thorax ist eine der prominentesten und im Garten häufig zu beobachtenden Arten dieser Gattung, oft an Bahndamm-Böschungen oder warmen Wegrändern in Kolonien anzutreffen.
Die Schmalbienen Lasioglossum bilden mit etwa 78 Arten die zweitgrößte Gattung. Sie sind kleine bis mittelgroße Bodennister, oft unscheinbar, und decken einen breiten taxonomischen Bereich von strikt solitären Arten bis zu Arten mit primitiv sozialem Verhalten ab. Die taxonomische Bestimmung im Feld ist bei Schmalbienen ausgesprochen anspruchsvoll und gelingt selbst Spezialist:innen häufig erst unter dem Binokular.
Die Mauerbienen Osmia umfassen etwa 28 Arten und sind die wirtschaftlich interessanteste Wildbienen-Gattung, denn sie lassen sich für die Obstbestäubung gezielt nutzen. Osmia rufa und Osmia cornuta sind die beiden kommerziell etablierten Arten. Die Gattung nistet überwiegend in Hohlräumen — leere Schneckenhäuser, Bohrlöcher in Totholz, hohle Pflanzen-Stengel — und manche Arten zeigen sehr spezifische Material-Präferenzen beim Nest-Verschluss (Lehm bei einigen Arten, gekaute Blattstücke bei anderen).
Die Hummeln Bombus bilden mit etwa 41 Arten in DE die einzige strikt sozial lebende Wildbienen-Gattung. Königin und Arbeiterinnen bilden ein Jahres-Volk, das im Spät-Sommer mit neuen Königinnen und Männchen zerfällt; nur die neuen Königinnen überwintern. Hummeln sind die Schlüssel-Bestäuber für Tomate (Vibrations-Bestäubung) und Heidelbeere, und Bombus terrestris — die Dunkle Erdhummel — ist die im Gewächshaus eingesetzte kommerzielle Art.
Die übrigen Gattungen ergänzen das Bild mit funktionalen Spezialisierungen. Die Hosenbienen Dasypoda zeichnen sich durch eine auffällig dichte Pollen-Sammel-Bürste an den Hinterbeinen aus — die namens-gebende „Hose”. Die Pelzbienen Anthophora sind große, pelzig behaarte Bodennister, die im Flug an kleine Kolibris erinnern und an warmen Lehmwänden in Kolonien nisten. Die Wespenbienen Nomada sind Kuckucksbienen — sie produzieren keinen eigenen Pollen-Vorrat und legen ihre Eier in die Nester von Sandbienen, deren Larven der Nomada-Nachwuchs dann verdrängt.
Rote-Liste-Status
Das Bundesamt für Naturschutz (BfN) hat 2011 die aktuelle Rote Liste der Wildbienen Deutschlands publiziert, eine fokussierte Revision für ausgewählte Gattungen folgte 2020. Beide Bewertungs-Stände zeichnen ein deutliches Bild: Etwa 40 Prozent der deutschen Wildbienen-Arten gelten als gefährdet oder bestandsgefährdet, mehrere Arten sind in den letzten Jahrzehnten als verschollen oder ausgestorben einzustufen.
Die Haupt-Ursachen sind nicht überraschend, aber in ihrer Kombinationswirkung verheerend: Verlust von Lebens-Raum durch fortschreitende Landwirtschafts-Intensivierung und Versiegelung, der reduzierte Blüten-Reichtum monotoner Agrarlandschaften, der direkte und sublethale Effekt von Pestizid-Einsatz (besonders Neonicotinoide), und die Verschiebungen durch den Klimawandel. Letztere wirken besonders auf Arten mit enger ökologischer Nische — etwa auf oligolektische Arten, die nur eine einzige Pflanzen-Familie als Pollen-Quelle akzeptieren und damit zusammen mit ihrer Wirts-Pflanze bestehen oder verschwinden.
Schutz-Praxis: Nisthilfen
Wer in Garten, Streuobstwiese oder Schulgelände Wildbienen aktiv fördern will, kommt am Bau geeigneter Nisthilfen nicht vorbei. Die handwerkliche Qualität entscheidet, ob eine Nisthilfe von den Tieren überhaupt angenommen wird und keine Schäden verursacht.
Hartholz-Bohrungen sind der Goldstandard. Buchen- oder Eichen-Klötze, in die Bohrungen mit Durchmessern zwischen 3 und 9 mm gesetzt werden, decken das Spektrum der hohlraum-nistenden Mauer- und Scherenbienen ab. Wichtig ist die saubere Bohrung — splitterfrei am Eingang und im Inneren — und eine ausreichende Bohrungs-Tiefe von mindestens 8 cm. Bambus-Massenware aus dem Bau-Markt, oft als „Insektenhotel” verkauft, ist regelmäßig problematisch: Die längs-faserige Bambus-Struktur splittert, Feuchtigkeit dringt ein, und die geschlossenen Brut-Zellen schimmeln im folgenden Frühjahr.
Für die bodennistenden Arten — also die Mehrzahl der Wildbienen-Fauna — sind Nisthilfen-Module wirkungslos. Hier hilft nur die gezielte Gestaltung des Bodens: Sand-Steilwände in Süd-Lage, ungemähte Sand-Lücken in Trockenrasen-Bereichen, abgeschrägte Lehm-Wände für die Pelzbienen-Arten. Eine offene, lückige Vegetation auf einem nährstoffarmen Substrat ist die wichtigste Wildbienen-Förderung im Boden überhaupt.
Tracht-Pflanzen für oligolektische Arten
Die spannendste Schutz-Praxis-Ebene ist die gezielte Tracht-Pflanzung für oligolektische Arten — also für Wildbienen, die nur eine einzige Pflanzen-Gattung oder -Familie als Pollen-Quelle akzeptieren. Glockenblumen (Campanula) sind die Pollen-Quelle der Glockenblumen-Scherenbiene Chelostoma rapunculi, einer kleinen, schwarzen Mauerbienen-Verwandten, die ausschließlich an Campanula-Arten sammelt. Disteln, besonders Eselsdistel und Karde, sind Pollen-Quelle für die Distel-Mauerbiene und mehrere weitere Disteln-Spezialistinnen. Natternkopf (Echium vulgare) ist die einzige Pollen-Quelle der Natternkopf-Mauerbiene Hoplitis adunca, einer mediterran beeinflussten Art, die in den letzten Jahrzehnten in DE wieder häufiger geworden ist.
Die Förderung oligolektischer Arten ist anspruchsvoller als das Aufstellen einer beliebigen Nisthilfe, weil sie nur dort gelingt, wo die spezifische Pflanze in ausreichender Dichte über mehrere Jahre vorhanden ist. Sie ist gleichzeitig die wirksamste Förderung überhaupt, weil eine erfolgreiche Pollen-Quelle eine ganze Generation Nachwuchs trägt.
Pestizid-Verbot im eigenen Bereich
So selbstverständlich es scheint: Im eigenen Garten und auf der eigenen Streuobstwiese gehört ein vollständiger Verzicht auf neonicotinoid-haltige und systemische Insektizide zum Standard der Wildbienen-Förderung. Auch handelsübliche Mittel mit kurzer Halbwerts-Zeit zeigen sublethale Effekte auf Wildbienen — Orientierungs-Verlust, reduzierte Pollen-Sammel-Leistung, geschwächte Larven-Entwicklung — und sollten in einem auf Wildbienen ausgerichteten Garten konsequent ausgespart bleiben.
Organisierte Schutz-Linien
Auf der organisierten Ebene koordinieren mehrere Verbände die Wildbienen-Förderung seit den 2010er Jahren. Das NABU-Wildbienen-Projekt arbeitet vor allem mit kommunalen Flächen und Schul-Programmen, das BUND-Bauernhof-Bienen-Programm setzt auf die Vernetzung mit kleinbäuerlichen Betrieben für Hecken-Pflanzungen und Saum-Strukturen. Das Bayerische Volksbegehren „Rettet die Bienen” 2019 hat eine landesweite Verpflichtung zur Blüh-Streifen-Förderung in der Agrarlandschaft etabliert, die zumindest ein Modell-Charakter für andere Bundesländer entwickelt hat. Die Wildbienen-Förderung bleibt darüber hinaus eine zähe Aufgabe der vielen kleinen Flächen — Garten, Schul-Hof, Friedhof, Bahndamm — auf denen die solitären Arten ihre tatsächlichen Lebens-Räume finden.